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Dennis Müller cycling on a road with mountain view

03/2019 // Dennis Müller

Gravel Royal - Mit dem Rad durch Neuseeland

2.800 Kilometer, unendlich viele Erlebnisse, 1 Rad: Dennis Müller hat mit seinem Fahrrad die Südinsel Neuseelands umrundet, durchquert, entdeckt. Eine Geschichte über das Abenteuer seines Lebens. Die Palette nach Übersee ist abholbereit: „Wie gerne würde ich mich einfach in den Container schmuggeln und mit unseren Produkten mitfliegen.“ Das habe ich mir so oft gedacht, als ich die Ware für unsere internationalen Distributeure fertig gemacht habe. Einmal aus dem Alltag ausbrechen, das Abenteuer suchen, Natur erleben, einfach frei sein. Was gibt es schöneres!? Und doch sind in der Vergangenheit immer nur unsere Helme und Brillen ins Flugzeug verfrachtet worden. Ich musste bleiben. Bis jetzt.

 

Mein Rad, meine Zahnbürste und ich

Mein Name ist Dennis Müller, ich arbeite als stellvertretende Lagerleitung bei Alpina und versende mit meinem Team Helme, Brillen und Protektoren in die ganze Welt. Für mich ist eine Destination spannender als die andere. Trotzdem träume ich aber schon lange von einem ganz bestimmten Fleck Erde: Neuseeland. Das Land am anderen Ende der Welt. Das Land, das aus zwei Inseln besteht, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Der Norden heiß und dichter besiedelt. Der Süden grün, rau, abwechslungsreich, mystisch. Dort will ich hin. Nur ich mit meiner Zahnbürste, meinem Zelt, ein paar Klamotten und mein Rad. Mein Traum sollte Wirklichkeit werden.

Dennis Müller auf dem Rad durch die Landschaft von Neuseeland

Knapp drei Monate hat mir mein Arbeitgeber Alpina für das Abenteuer meines Lebens freigegeben. Drei Monate mit dem Rad durch und um die Südinsel Neuseelands: wahnsinn. Und alles ging am Ende ganz schnell: Flug gebucht, Radtaschen gepackt, letzter Arbeitstag abgehakt. Auf gings nach Christchurch, dem Startort meiner Tour. Als meine Füße das erste Mal neuseeländischen Boden betreten haben, war ich unglaublich nervös. Vom Flugzeug aus konnte ich einen Teil der Landschaft Neuseelands erspähen. Und eines ist dabei sehr deutlich geworden: hier gibt es Berge. Sehr viele Berge. Eigentlich habe ich da unten gar keine flache Stelle entdeckt. Bei dem Anblick sind schnell Zweifel in mir groß geworden, ob mich mein Vorhaben überfordern wird. Für einen Rückzieher war es jetzt aber sowieso zu spät.

Freiheit

Rund ein viertel Jahr habe ich mich auf meine Reise vorbereitet. Welches Rad nehme ich mit? Welches Zelt passt in die kleinen Packtaschen? Wie viele Unterhosen brauche ich? Und natürlich: Wo fahre ich überhaupt hin? Diese und tausend andere Gedanken sind mir fast täglich durch den Kopf geschwirrt. Und dann kam der Moment, in dem sich der Knoten in meinem Kopf aufgelöst hat. Der erste Atemzug mit neuseeländischer Luft. Die erste Kurbelumdrehung. Unbeschwertheit, Unabhängigkeit, Freiheit. In mir hat sich alles richtig angefühlt. Genau dafür bin ich hierher gekommen. Ab jetzt kommt einfach alles so, wie es kommt. Die lange Vorbereitung ist vorbei, es geht nur noch um eins: Radfahren. Über Darfield, Geraldine und Fairlie bin ich in Richtung Burkes Pass gestartet. Dort hat der erste Berg auf mich und meine 30 Kilogramm Gepäck gewartet. Ich war unglaublich langsam. Mein Tempo hat nicht mal die scheuen Schafe am Straßenrand erschreckt. Schweißperlen rannen an meinen Schläfen herunter, meine Beine haben gebrannt. Und trotzdem war ich so glücklich. Es roch nach trockenen Kiefernnadeln. Um mich herum surrten die Insekten. Strahlend blauer Himmel. Herrlich. Es folgte der "Alps To Ocean Cycleway" – ein ausgeschriebener Radwanderweg. Sprich: runter von der Straße und ab auf die Gravelroad, der Heimat meines Rads, dem Grandurance Elite von Bergamont. 306 Kilometer war der Abschnitt lang. Vom Lake Pukaki, der randvoll mit türkisfarbenen Gletscherwasser gefüllt ist, nach Oamaru, das zu Hause der Zwergpinguine an der Ostküste. Es war die Strecke, auf der ich nicht allein bleiben sollte.

Landschaft von Neuseeland und Dennis Müller bei einer Pause mit einem Freund

Gegen Wind und Wetter

Ich bin nach Neuseeland gekommen, um allein zu sein, die Gedanken schweifen zu lassen. An den ersten Tagen hat das auch funktioniert. Dann nicht mehr. Der Grund hieß: Charlotte. Die Französin lebt einige Zeit in Neuseeland und wollte ihre vorübergehende Heimat mit dem Rad erkunden. Wie ich. Unsere Gemeinsamkeit hat uns zusammengeschweißt. Wir hatten eine gute Zeit zusammen und haben uns auf Anhieb super verstanden. Zu zweit war alles viel leichter. Die Gespräche über alles und jeden haben vom Wind, vom Wetter, von den Anstiegen und allen anderen vorübergehenden Herausforderungen abgelenkt. Es war einfach perfekt – beziehungsweise, um es mit dem Wort von Charlotte auszudrücken: royal. Sie sollte nicht meine einzige Begegnung auf dem Rad bleiben. Ich habe Menschen aus unzähligen Ländern getroffen. Israel, Afrika, Kanada, USA, Dänemark, Japan. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen.

Foto von einem Zelt in der Nacht und Foto von einem roten Sonnenuntergang

Nordwärts

Ein Wegweiser mit kleinen gelben Schildern in alle Himmelsrichtungen ist die Markierung für den südlichsten Punkt Neuseelands. Er steht in Bluff. Von hier ab ging es für mich in Richtung Norden. Mit dem Rad durch Flüsse, Regenwälder, Berglandschaften. Der Weg führte mich von Bluff nach Queenstown und über Wanaka an die Westküste – vor der ich nichts Gutes gehört hatte. Zumindest was das Wetter betrifft. In Neuseeland heißt die Westcoast nämlich eigentlich Wetcoast. Und jeder erzählt Dir, dass man dort lieber nicht mit dem Rad fahren sollte. Ich habe es trotzdem gemacht, meinen Wetsuit immer griffbereit. Ich wurde belohnt. Kein einziges Tröpfchen habe ich auf der Strecke vorbei an den beiden großen Gletschern Fox und Franz Joseph nach Hokitika, Greymouth und Westport abbekommen.

Foto von Dennis Müller bei einer Pause und Foto vom Meer

Zu früh gefreut

Im Landesinneren sah das ganze allerdings dann schnell wieder anders aus. Über mir hatten sich die Wolken zu einem riesigen grauen Teppich verdichtet, der fast kein Licht mehr durchließ. Dafür Unmengen an Wasser. Nach der Golden Bay und dem Abel Tasman Nationalpark wurde es kalt und ungemütlich. Auch das kann Neuseeland sein. Mittlerweile war ich aber schon so im Flow, dass mir der Regen nichts mehr ausgemacht hat. Es lief, ich war zufrieden. Mehr noch: überglücklich. Bis zum Schluss. Über Hanmer Springs ging es wieder in Richtung Christchurch. Und da konnte auch mein erster Platten fünf Kilometer vor dem Ziel nichts mehr ändern. Mein Reifen war so hinüber, dass ich nicht mehr weiterfahren konnte. Zum Glück hatte ich den Defekt direkt vor dem Haus von John – einem Farmer in der Region Christchurch. Er hat mich und mein Rad auf dem Weg zu seinen Feldern auf der Ladefläche mitgenommen. Und dabei hatte ich Zeit, mir alles noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Die Natur Neuseelands. Meine Begegnungen. Das Gefühl auf dem Rad zu sitzen, den ganzen Tag draußen zu sein. Das alles hat mich zum Lächeln gebracht. Es war royal.

Landschaftsfoto und Foto von Dennis Müllers Fahrrad auf einem Autoanhänger
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